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Man soll ja der Vergangenheit nicht nachtrauern, doch ich finde es wichtig,
endlich einmal darzulegen, wie schwer es ein Ritter in der heutigen Zeit
hat.
Natürlich sehne ich das dunkle Mittelalter nicht wieder herbei, doch
unsere Vorfahren hatten es in einigen Dingen sehr viel einfacher als wir
heute.
Nehmen wir einmal an, dass ein Ritter einen guten Eindruck auf die Frau
seines Herzens machen wolle. Früher hatte er viele Möglichkeiten
zur Verfügung, wie zum Beispiel in einem Turnier zu brillieren, einen
Drachen zu töten oder der Angebeteten Minnegesänge vorzutragen.
Falls das alles nichts half, galt es als besonders schick, die Herzdame
kurzerhand zu entführen, um sie dann in einem wildromantischen Schloss
nach all den Regeln der Kunst zu verführen.
Was können wir Männer heute tun, wenn wir um die Gunst einer
Frau ringen?
Kämpfe unter Männern um eine Frau sind heute verpönt. Eine
Frau dadurch gewinnen zu wollen, ist genau so aussichtslos, wie wenn ich
einen Eisberg mit einem Streichholz zum Schmelzen bringen möchte.
Einen Drachen zu finden, um ihn dann zu töten, liegt auch nicht mehr
drin. Zum einen stehen diese Biester heute unter Artenschutz und zum anderen
finden die meisten Frauen an den wilden Drachen mehr gefallen, als an
den armen Rittern.
Da bleiben bloss noch die Minnegesänge. Doch das ist auch so eine
Sache. Was singt man einer Frau vor, die sich seit ihrer frühesten
Kindheit mit Techno hat berieseln lassen? Doch nicht etwa schwülstige
Liebeslieder mit der Gitarre in Hand, oder? Heisse Liebesgedichte kommen
in der Regel auch nicht an, da die Bewunderte im Kino und im Fernsehen
schon die raffiniertesten Tricks gesehen hat, mit denen ein Mann versucht
eine Frau herumzukriegen.
Dabei geht es uns Rittern gar nicht darum! Wir wollen die Frauen nicht
herumkriegen, sondern wir suchen eine Frau, die wir bewundern, verehren
und anbeten können. Eine Partnerin, die auch geneigt ist, unsere
Qualitäten zu schätzen und so wie sie Frau ist, uns Mann sein
lassen kann.
Könnte denn heutzutage vielleicht eine Entführung das Herz der
Begehrten aufschliessen? Davor möchte ich alle zeitgenössischen
Rittern ganz besonders warnen. Die Frauen der heutigen Zeit können
mit nichts schlechter umgehen, als zeitweiligem Freiheitsentzug. Nein,
das Erobern einer Frau gelingt heutzutage nur, wenn man ihr alle Freiheit
schenkt, nichts von ihr verlangt und sie alles auf ihre Art und Weise
machen lässt. Dass dies nicht mehr viel mit Erobern zu tun hat, muss
ich wohl nicht weiter erläutern.
Doch die Sache hat auch ihre guten Seiten! Wir verletzen uns nicht mehr
gegenseitig in unsinnigen Kämpfen, wir können den WWF nun mit
einem gutem Gewissen unterstützen und müssen uns nicht mehr
mühsam mit Poesie abrackern.
Und so bleibt uns nichts anderes übrig, als das zu sein, was unsere
wahre, ursprüngliche Natur als Mann und Ritter ist, uns nicht weiter
anzustrengen und abzurackern und dabei zu hoffen, dass genau das zu der
wahren, ursprünglichen Natur einer Frau und Dame passt.
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