Wenn die ersten Strahlen der Sonne über die Berge auf die Wiese fallen und die Tautropfen durch ihr Licht in tausend kleine Diamanten verwandelt werden, ist die Magie der kleinen Erdgeister am grössten. Die Blumen und Gräser strecken sich dem hellen Licht entgegen und nehmen dankbar das Geschenk der Wärme an - wieder beginnt ein neuer Tag.

Das ist heute noch genauso, wie damals, als die Geschichte von Nomi, Alea und Juna begann.

Im Wind konnte man noch leise die verklingenden Stimmen der Traumwesen hören - dann erwachte die Welt. Die kleinen Erdgeister wussten, dass sich in der Schönheit und der Harmonie des Morgens, die Gesetze der Erdenmutter Gaja in ihrer ganzen Güte zeigten. Wie jeden Tag begannen sie auch heute ihren Tag damit, gemeinsam den Zauber des Morgens zu weben, um den Wesen der Erde zu helfen, sich von den Ängsten der Dunkelheit zu befreien. Die Erdgeister sammeln die schillernden Strahlen der Morgensonne, wenn sie in glitzernder Pracht aus den Tautropfen austreten und weben sie in uralter Tradition zum Muster der Freude und Liebe. Diesen prächtigen Lichterteppich senden sie zum Himmel hinauf, wo die Luftgeister ihn auffangen, um ihn mit den Wolken zu verwebten.

Bei besonderen Anlässen werden diese eingefangenen Sonnenstrahlen von den Luftgeistern wieder frei gelassen. So entstehen die wunderbaren, farbenprächtigen Regenbogen am Himmel.

Es war am längsten Tag des Jahres. Dieser Tag war für die kleinen Erdgeister ein ganz spezieller Tag, denn an ihm zeigte sich Mutter Gaja mit ihrer unendlichen Liebe und ihrer grossen Weisheit den Geschöpfen der Erde. Die kleinen Erdgeister freuten besonders auf diesen Tag, denn Gaja erschien ihnen jedes Jahr in einer anderen Form und es war ein spannender Wettstreit unter den jüngeren, zu erraten welche Form sich die Grosse Mutter dieses Jahr ausgewählt hatte.

Nomi, Alea und Juna waren die drei jüngsten unter den erwachsenen Erdgeistern. Eigentlich waren sie mit ihren hundertundein Sommern noch fast Kinder, aber es war seit unerdenklichen Zeiten Brauch, dass ein Erdgeist nach einhundert und einem Sommer das erste Mal beim Weben des Mittsommer­nachts­teppichs mitwirken sollte. Die drei waren furchtbar aufgeregt und konnten es immer noch nicht ganz fassen, dass sie dieses Jahr endlich auch bei grössten und mächtigsten Zauber der Erdgeister mitwirken durften.

Sie hatten die ganze Nacht hindurch gewetteifert und versucht sich gegenseitig mit Ideen zu übertreffen, wie sich Mutter Gaja dieses Jahr präsentieren würde. Nomi war fest davon überzeugt, dass sich Gaja dieses Jahr in der Form eines Rehs zeigen würde, Alea glaubte, es würde ganz bestimmt ein Falke sein und Juna liess sich nicht davon abbringen, dass es dieses mal eine Spinne sein werde. Eigentlich war jede Tierform gleich wahrscheinlich, da Gaja alle ihre Lebewesen gleich liebte - sie war schliesslich die Grosse Mutter - aber es war eine zu schöne Vorstellung, diejenige zu sein, welche die richtige Form erraten hatte.

Nun sassen die drei also unter ihrem Lieblingsblatt und berieten hin und her. Der Mond wanderte langsam über den Himmel und tauchte die Wiese und den Wald in sein weisses Licht. Schon lange war Mitternacht vorbei und der längste Tag hatte begonnen. Doch die drei merkten nicht wie die Zeit verging und besprachen sich immer noch eifrig.

"Sie wird als Spinne kommen", sagte Juna gerade. "In den letzten hundert Jahren ist Gaja in jeder erdenklichen Tiergestalt erschienen, aber noch nie als Spinne!"

Nomi war damit gar nicht einverstanden. "Schau mal, wenn Gaja als Spinne erscheinen würde, könnten wir sie ja gar nicht finden, sie wäre viel zu klein. Nein, dieses Jahr wird sie als stolzes Reh erscheinen und mit ihren gütigen Augen auf uns herabblicken."

Mit sehnsüchtigen Augen blickte sie zu den Sternen auf und stellt sich vor, wie sie sich vor dem Reh Gaja verbeugen würde.

"Du bist eine verträumte Romantikerin", meinte Alea grinsend. "Und dann wird sie mit hocherhobenem Haupt wieder im Wald verschwinden und uns zum Abschied mit ihren grossen braunen Augen noch einmal zuzwinkern."

"Bäh", machte Nomi und streckte ihrer Freundin lachend die Zunge heraus. "Und warum sollte Gaja ausgerechnet als Falke bei uns auftauchen?"

"Sie wird über uns kreisen, so dass wir sie alle sehen können. Und von da oben kann sie uns alle segnen und gleichzeitig sehen, wie es um unsere Wiese steht", sprach Alea mit der grössten Überzeugung.

So diskutierten und lachten die drei die ganze Nacht hindurch.

Als die Sonne schliesslich ihre ersten Strahlen über die weissen Berge schickte, lagen die drei erschöpft unter ihrem Blatt und träumten davon, wie Gaja bald erscheinen würde.

Wie jeden Morgen erstrahlten aus den Tautropfen die schillernden Lichterfäden und die Erdgeister begannen daraus den Zauber des Morgens zu weben - den speziellen Mittsommerzauber, der sich nur an diesem speziellen Morgen im Jahr weben lässt. Alle Erdgeister waren mit eifrig und voller Freude bei ihrer Arbeit.

Alle? Oh, Nein! Unsere drei Freundinnen schliefen so tief und fest, dass sie nicht einmal durch die Musik des Morgens geweckt wurden.

Der Mittsommer­nachts­teppichs wurde gewoben und Gaja erschien in der Gestalt einer schneeweissen Stute, die langsam über die Wiese wanderte und hier und da einer Pflanze oder einem Tier Worte des Trostes und des Verständnisses zuflüsterte. Alle Erdgeister waren glücklich und stolz, dass sie einer so guten Göttin dienen durften. Als die Sonne gegen Mittag ihren höchsten Punkt erreichte, verabschiedete sich Gaja von ihren Untertanen und verschwand von der Wiese.

Etwa zu dieser Zeit erwachten unsere drei Lausemädchen aus ihrem tiefen Schlaf - und sie erschraken gewaltig. Sie hatten den Morgenzauber verschlafen, das war ja an und für sich schon eine schlimme Sache, aber beim Zauber des Morgens am längsten Tag nicht mitzuwirken, das war ein wahre Schande, vor allem, da es ja das erste Mal gewesen wäre. Aber das Schlimmste für sie war, dass sie Gaja verpasst hatten!

In ihrer grossen Verzweiflung rannten sie zu Enomo, dem Geschichtenerzähler und berichteten ihm von ihrem grossen Unglück. Enomo, der die drei schon seit ihrer Geburt her kannte, versuchte ein ernstes Gesicht zu machen und sie für ihre Leichtfertigkeit zu rügen. Aber er schaffte es nicht, zu gut kannte er die drei Bälger und zu häufig hatte er über ihre Streiche lachen müssen.

"Das ist wirklich schlimm", sagte er, nachdem er sich die Geschichte angehört hatte, "aber mit eurer Raterei seid ihr sowieso auf dem Holzweg gewesen."

Und er berichteten den dreien, wie Gaja als prächtige, weisse Stute über die Wiese geschritten war und wie sie mit ihren Untertanen gesprochen hatte.

"Doch hört", flüsterte Enomo geheimnisvoll, "es wird erzählt, dass Gaja jedes Jahr von allen Untertanen gesehen wird und dass es schon vorgekommen sei, dass sie sich extra nochmals auf den Weg gemacht habe, um einem einzelnen Wesen persönlich ihre guten Wünsche zu überbringen."

Alea, Nomi und Juna blickten sich wachsendem mit Unbehagen an. Dass sich Gaja speziell wegen ihnen noch einmal zur Wiese aufmachen müsste, das wollten die drei nun aber gewiss sicher nicht. Bedrückt verabschiedeten sie sich von Enomo und schlichen mit einem mulmigen Gefühl im Bauch davon.

Enomo blickte ihnen schmunzelnd nach, denn er wusste, was immer Gaja tun würde, es würde ein Ausdruck ihrer unendlichen Liebe sein. Aber er dachte nicht im Traum daran, das den drei kleinen Sünderinnen auf die Nase zu binden.

Nomi blickte Alea und Juna fragend an. "Was sollen wir bloss tun?"

Aber die beiden wussten auch keine Anwort, sondern sahen nur betroffen auf den Boden.

"Ich versinke vor Scham im Boden, wenn Gaja für uns extra nochmals erscheint", sagte Alea und schob mit ihrem Fuss ein kleines Steinchen hin und her.

"Die soll nur kommen", meine Juna trotzig, "wir werden uns schon eine gute Ausrede einfallen lassen."

Nach einer Pause fügte Juna hinzu: "Schliesslich wollten wir ja..." und brach ab.

Gleich neben den drei kleinen Erdgeistern hatte sich ein Menschenmädchen in die Wiese gesetzt. Es war ein hübsches Menschenkind. Mit langen, braunen Haaren, die sich in einer herrlichen Lockenpracht über ihre Schultern ergossen. Das Mädchen blickte mit sanften und liebevollen Augen auf die Erdgeister hinunter und beobachtete sie.

Nomi getraute sich kaum zu atmen und blickte verstört zu dem Mädchen hoch. Menschen können Erdgeister nicht sehen, das war ein Teil von Gajas Gesetz. Aber dieses Mädchen schien das nicht zu wissen, denn des beobachtete genau, was die Erdgeister taten.

Alea stupste Nomi und Juna leicht an und sagte leise: "Ich glaube wir sollten lieber von hier verschwinden."

Aber die drei blieben wie angewurzelt stehen. Plötzlich hörten sie wie eine Stimme in ihrem Kopf sagte: "Habt keine Angst, meine kleinen Freunde. Gaja tut Euch schon nichts zuleide."

Wieder erstarrte unser Trio, aber jetzt vor lauter Ehrfurcht. "D...du b...b...bist Gaja?", brachte Juna mit grösster Anstrengung hervor.

"Natürlich," hörten sie die Stimme des Mädchens in ihren Köpfen sagen, "ihr habt ja gestern Nacht alle möglichen Formen durch besprochen, in denen ich hätte erscheinen könnte. Die einzige, die ihr ausgelassen habt, war die eines Menschen. Und da ich euch ein bisschen überraschen wollte, habe ich mir diese Gestalt ausgesucht."

Ein schelmisches Lächeln leuchtete im Gesicht des Mädchens und in ihren Augen zwinkerte der Schalk. Die drei waren völlig sprachlos, aber die Angst wich langsam von ihnen.

"Und nun hört mir zu, meine Kinder. Ich möchte eine Aufgabe geben. Diese Aufgabe wird Euch verändern - sie wird euch erwachsen machen. Seid ihr bereit dazu?"

Jetzt kam die Angst wieder, aber was blieb ihnen anderes übrig als zu nicken?

"Zuerst möchte ich euch ein kleines Geheimnis verraten", begann Gaja. "Ihr müsst wissen, dass ihr nicht die ersten seid, denen ich diese Aufgabe stellen durfte."

Mit einem Augenzwinkern fügte sie hinzu: "Es kommt immer wieder vor, dass es Erdgeister gibt, die eine spezielle Aufgabe benötigen. Der Zauberwebmeister Anua und der Geschichtenerzähler Enomo sind auch zwei von ihnen."

Ungläubig blickte Alea zu Gaja empor. "Was? Enomo hat seinen ersten Mittsommerzauber auch verschlafen?"

Gaja lächelte als sie sagte: "Nein, aber er hat einmal etwas genau so wichtiges wie ein Mittsommernachtsfest verpasst. Doch nun hört eure Aufgabe."

Gaja blickte den drei Erdgeistern in die Augen und fuhr fort: "Die Aufgabe lautet: findet heraus wer ihr wirklich seid und für was ihr in dieses Leben geboren wurdet. Wenn ihr das herausgefunden habt, werde ich euch das Geschenk des Rechten Ortes machen und ihr werdet bis an euer Lebensende glücklich sein."

Gaja stand auf und blickte noch einmal auf die drei kleinen Erdgeister hinunter, die mit offenen Augen und Mündern dastanden. Dann verschwand sie mit einem Lächeln auf den Lippen und einem hellen Leuchten in ihren Augen.

Mit einem Plumps setzte sich Alea auf den Boden und heulte: "Kaum sind wir aus dem Kindesalter heraus, kriegen wir schon wieder Aufgaben! Ich habe es satt, dass andere mir immer sagen, was ich zu tun habe!"

Nomi setzte sich neben Alea und sagte: "Sei froh, dass wir so glimpflich davon gekommen sind. Aber es ist schon eine merkwürdige Aufgabe, die wir da bekommen haben. Jetzt weiss ich auch, warum Enomo so gegrinst hat, als er uns von Gaja erzählte."

Da liess sich auch Juna nieder und ihr Blick schweifte in die Ferne. Plötzlich blickte Sie ihren Freundinnen in die Augen und fragte: "Wer seid ihr? Für was wurdet ihr geboren?"


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